Temperguss bezeichnet Gusseisen, das zunächst hart und spröde als weißes Gusseisen vergossen und danach durch eine Glühbehandlung in ein zähes, verformbares Gefüge umgewandelt wird: schwarzer Temperguss bei rund 950 °C über etwa 30 Stunden, weißer Temperguss bei rund 1050 °C über 50 bis 80 Stunden.[3] Er eignet sich für Bauteile, die Festigkeit und Schlagzähigkeit brauchen.
Herstellungsverfahren beim Temperguss
Die Herstellung von Temperguss erfolgt in zwei klar definierten Schritten. Zunächst entsteht ein weißes Gusseisen, das äußerst hart, dabei jedoch spröde ist. In einem zweiten Prozessschritt findet dann die Wärmebehandlung statt – auch „Tempern“ genannt. Temperatur und Dauer unterscheiden sich deutlich zwischen schwarzem und weißem Temperguss (siehe unten). Während dieses Prozesses verwandelt sich der im Gusseisen eingelagerte Zementit in Temperkohle (Flockengraphit). Dadurch erhält der Temperguss seine typische Kombination aus Festigkeit und Zähigkeit, was ihn in der Produktion und Verarbeitung besonders wertvoll macht.
Unterschiedliche Arten von Temperguss
Man unterscheidet im Wesentlichen zwischen schwarzem und weißem Temperguss; die Bezeichnung bezieht sich auf die Bruchfläche, nicht auf die Bauteiloberfläche. Schwarzer Temperguss entsteht durch eine Glühbehandlung unter sauerstoffarmen Bedingungen bei rund 950 °C über rund 30 Stunden.[3] Dabei zerfällt der im Inneren eingelagerte Zementit zu Temperkohle, die die Bruchfläche schwarz erscheinen lässt; es lagert sich nichts an der Oberfläche ab, und einen besonderen Korrosionsschutz gibt es nicht. Weißer Temperguss hingegen wird in einer oxidierenden Atmosphäre bei rund 1050 °C über 50 bis 80 Stunden geglüht.[3] Dabei wird die Randzone des Bauteils aktiv entkohlt, sodass die Bruchfläche weiß bleibt. Der ferritische schwarze Temperguss (EN-GJMB-350-10) zeichnet sich durch besondere Zähigkeit und Plastizität aus (10 % Bruchdehnung),[1][2] weißer Temperguss (EN-GJMW-400-5) erreicht dagegen nur 5 %[1][2] und eignet sich durch die entkohlte Randzone gut für dünnwandige, feinmechanische Bauteile.
Anwendungsbereiche und Vorteile von Temperguss
Dank seiner robusten und zugleich verformbaren Eigenschaften eignet sich Temperguss besonders für Anwendungen in der Automobilindustrie, im Maschinenbau sowie für Armaturen und Rohrverbindungen in der Sanitärtechnik. Der wesentliche Vorteil liegt darin, dass Tempergussprodukte eine sehr hohe mechanische Festigkeit besitzen, gleichzeitig aber auch den Belastungen durch Vibrationen und Schläge dauerhaft standhalten können. Somit erfüllen sie optimal die Anforderungen an stabile, zuverlässige und langlebige Bauteile.
Praxisteil: Wofür der Gießereitechniker Temperguss braucht
Für den Techniker ist Temperguss die Wahl, wenn ein Bauteil komplexe Geometrien wie Gusseisen zulässt, im Betrieb aber Schlagzähigkeit und Duktilität wie Stahl benötigt, etwa bei Rohrverbindungsstücken, Beschlägen oder Bauteilen in der Landtechnik. Die Herstellung verlangt zwei sauber getrennte Prozessschritte: zuerst wird als weißes Gusseisen mit hohem gebundenem Kohlenstoff (Zementit) vergossen, danach folgt die Glühbehandlung, deren Temperatur und Dauer von der Sorte abhängen: rund 950 °C über rund 30 Stunden für schwarzen, rund 1050 °C über 50 bis 80 Stunden für weißen Temperguss.[3] In der Praxis entscheidet die Glühatmosphäre über das Endergebnis: eine oxidierende Atmosphäre erzeugt weißen Temperguss mit kohlenstoffarmer Randzone und guter Schweißeignung, eine sauerstoffarme Atmosphäre erzeugt schwarzen Temperguss mit gleichmäßigerer Kohlenstoffverteilung über den Querschnitt. Wandstärke ist dabei eine harte Grenze: bei zu dickwandigen Bauteilen erstarrt der Kern nicht mehr vollständig weiß, sodass sich dort bereits beim Guss Graphit statt Zementit bildet und die spätere Temperung nicht mehr greift.
Temperguss-Sorten nach DIN EN 1562
| Kurzname | Typ | Probestabdurchmesser | Zugfestigkeit Rm (min.) | Bruchdehnung A (min.) |
|---|---|---|---|---|
| EN-GJMW-400-5 | weißer Temperguss | 12 mm | 400 MPa | 5 % |
| EN-GJMB-350-10 | schwarzer Temperguss (ferritisch) | 12-15 mm | 350 MPa | 10 % |
| EN-GJMB-700-2 | schwarzer Temperguss (perlitisch) | 12-15 mm | 700 MPa | 2 % |
Werte nach DIN EN 1562:2019-06, gerundet und beispielhaft; die Norm umfasst weitere Zwischensorten.[1][2] Die Kennwerte gelten für den 12-mm-Probestab.
Häufige Fragen zu Temperguss
Was ist Temperguss?
Temperguss ist ein Gusseisenwerkstoff, der zunächst als hartes, sprödes weißes Gusseisen vergossen und anschließend durch eine mehrstündige Glühbehandlung („Tempern“) in ein zähes, gut verformbares Gefüge umgewandelt wird. Er vereint die Gießbarkeit von Gusseisen mit einer Schlagzähigkeit, die in die Nähe von Stahlguss reicht.
Was ist weißer Temperguss?
Weißer Temperguss (EN-GJMW) entsteht durch Glühen in oxidierender Atmosphäre. Dabei entkohlt die Randzone des Bauteils, während im Kern Temperkohle entsteht. Er lässt sich gut verzinken und schweißen und wird bevorzugt für dünnwandige, kleinere Bauteile eingesetzt.
Was ist der Unterschied zwischen Temperguss und Gusseisen mit Kugelgraphit?
Bei Gusseisen mit Kugelgraphit entsteht die kugelige Graphitform bereits während der Erstarrung durch Impfen der Schmelze mit Magnesium. Bei Temperguss entsteht die Graphitform (Temperkohle) erst nachträglich durch Glühen aus zunächst weiß erstarrtem Gusseisen. Für große Wandstärken ist Gusseisen mit Kugelgraphit wirtschaftlicher, weil keine zusätzliche Glühbehandlung nötig ist.
Normbezug
DIN EN 1562:2019-06 legt Sorten, Kurzbezeichnungen und Mindestkennwerte für Temperguss fest, unterteilt in weißen (EN-GJMW) und schwarzen (EN-GJMB) Temperguss.[1]
Weiterführende Begriffe
- Zementit – Ausgangszustand vor der Temperung
- Gusseisen – Werkstoffgruppe, zu der Temperguss gehört
- Gusseisen mit Kugelgraphit – alternativer Werkstoff mit ähnlichem Eigenschaftsprofil
- Grauguss – Gusseisen ohne nachträgliche Glühbehandlung
Quellen
- DIN EN 1562:2019-06, Gießereiwesen – Temperguss, Tabelle: Kurzbezeichnungen und Mindestkennwerte für EN-GJMW-400-5, EN-GJMB-350-10 und EN-GJMB-700-2, gewährleistet am 12-mm-Probestab.
- Schmiedeberger Gießerei GmbH (DIHAG Foundry Group): Werkstoffdatenblatt, Temperguss (GTW) nach DIN EN 1562 – Auswahl. Abgerufen am 27.08.2026.
- maschinenbau-wissen.de: Eisengusswerkstoffe – Temperguss, Abschnitt Glühverfahren. Abgerufen am 27.08.2026.
Ein Kommentar zu „Temperguss“